Kurz zusammengefasst
- Akzent: nicht-rhotisch wie das britische Englisch (das abschließende „r“ wird nicht ausgesprochen), aber mit sehr unterschiedlichen Vokalen
- Rechtschreibung: folgt insgesamt den britischen Konventionen (colour, realise), mit bemerkenswerten Ausnahmen (program, Labor Party)
- Grammatik: Present Perfect und „shall“ sind häufiger als in den USA, genau wie in Großbritannien
- Kuriosität: große Zahlen werden amerikanisch ausgesprochen („eleven hundred“ statt „one thousand one hundred“)
- Herkunft: koloniales britisches Englisch des 18. Jahrhunderts, geprägt vom Slang der Sträflinge und vom Wortschatz der Aborigines
Australisches Englisch wird oft als bloßer Ableger des amerikanischen Englisch dargestellt, vor allem wegen seines Akzents, der an an britisches Lehrbuch-Englisch gewöhnte Ohren manchmal „locker“ wirkt. Die sprachliche Realität ist differenzierter: Bei Grammatik und Rechtschreibung bleibt das australische Englisch strukturell viel näher am britischen, mit einigen bemerkenswerten Ausnahmen, die dennoch einen echten amerikanischen Einfluss verraten.
Dieser Vergleich zeigt, was sich zwischen britischem und australischem Englisch tatsächlich unterscheidet: Aussprache, Wortschatz, Rechtschreibung, Grammatik und die Geschichte hinter dieser besonderen Nähe zwischen beiden Varianten.
Aussprache und Akzent: gemeinsame Basis, weit auseinanderliegende Vokale
Phonetisch teilt das australische Englisch mit dem britischen ein wichtiges strukturelles Merkmal: Es bleibt nicht-rhotisch, das heißt, das abschließende „r“ in einem Wort wie „car“ oder „mother“ wird nicht ausgesprochen, anders als im amerikanischen Englisch, das es durchgängig ausspricht. Diese Gemeinsamkeit endet jedoch recht schnell, denn die australischen Vokale entfernen sich deutlich von der Received Pronunciation, der britischen Standardreferenz.
Der Laut „ay“ nähert sich einem langen „i“ an, sodass „day“ fast wie „die“ klingt und „mate“ wie „ma-ite“. Der Laut „ou“ tendiert zu „eah“ und macht aus „you“ etwas, das eher wie „yeah“ klingt. Der Laut „y/i“ in Wörtern wie „buy“ oder „nine“ nähert sich einem „oy/oi“ an, was Aussprachen ergibt, die für ein britisches Ohr fast wie „boy“ und „no-ine“ klingen. Der australische Akzent nutzt zudem eine steigende Intonation am Ende von Aussagesätzen.
Wortschatz: was gemeinsam bleibt, was spezifisch australisch wird
Ein großer Teil des Grundwortschatzes bleibt zwischen beiden Varianten identisch, da das australische Englisch den Wortschatz direkt vom britischen statt vom amerikanischen Englisch übernommen hat: eine Wohnung bleibt ein „flat“ (nie ein „apartment“), ein Lastwagen ein „lorry“ (nie ein „truck“), und ein süßer Keks ein „biscuit“ (nie ein „cookie“), genau wie im Vereinigten Königreich.
Das australische Englisch entwickelt jedoch einen eigenen Wortschatz, aufgebaut auf einem sehr ausgeprägten Kontraktionsprinzip: „afternoon“ wird zu „arvo“, „service station“ zu „servo“, „breakfast“ zu „brekkie“ und „mosquito“ zu „mozzie“. Andere Begriffe haben weder im britischen noch im amerikanischen Englisch eine direkte Entsprechung, etwa „snag“ für eine Grillwurst, „bogan“ als abwertender Begriff für jemanden, der als wenig kultiviert gilt, oder „ripper“ für „großartig“. Das Wort „thongs“ zeigt allein schon das Verwechslungsrisiko zwischen den Varianten: In Australien bezeichnet es einfache Strand-Flip-Flops, während dasselbe Wort im amerikanischen Englisch Unterwäsche bedeutet.
Rechtschreibung: die britische Regel und ihre Ausnahmen
In der Rechtschreibung folgt das australische Englisch insgesamt den britischen Konventionen: Das „u“ bleibt in Wörtern wie „colour“ oder „favourite“ erhalten, und die Endung „-ise“ bleibt die Norm für Verben wie „realise“ oder „organise“, wo das amerikanische Englisch „realize“ und „organize“ schreibt. Auch unregelmäßige Verben folgen eher dem britischen als dem amerikanischen Modell, mit Formen wie „smelt“ und „spelt“ statt „smelled“ und „spelled“.
Diese allgemeine Regel kennt jedoch bemerkenswerte Ausnahmen, die einen echten amerikanischen Einfluss verraten. Das Wort „program“ wird in Australien amerikanisch geschrieben, ohne das abschließende „me“, das die britische Schreibweise „programme“ beibehält. Noch überraschender: Die wichtigste linke Partei Australiens heißt offiziell „Labor Party“, mit amerikanischer Schreibweise, während das alltägliche Wort „labour“ (Arbeit) in jedem anderen Zusammenhang weiterhin britisch geschrieben wird.
Grammatik: nah am britischen Englisch, mit einer amerikanischen Anomalie
Grammatikalisch bleibt das australische Englisch insgesamt sehr nah am britischen. Für eine kürzlich erfolgte Handlung verwendet ein Australier spontan das Present Perfect, genau wie ein Brite: „I’ve just had breakfast“ statt des einfachen amerikanischen Past „I just had breakfast“. Auch die Verwendung von „shall“ für die Zukunft, in den USA seltener, bleibt in Australien häufiger.
Eine bemerkenswerte Anomalie relativiert diese Nähe jedoch: Um eine große Zahl wie 1100 zu nennen, sagt ein Australier spontan „eleven hundred“, amerikanisch, statt der klassischer britischen Formulierung „one thousand, one hundred“. Dieses fast nebensächliche Detail veranschaulicht gut die hybride Natur des australischen Englisch, das vom britischen Erbe dominiert bleibt, ohne sich dabei völlig abzuschotten.
Ein kolonialer Ursprung zwischen Sträflingen und Aborigine-Sprachen
Das australische Englisch geht auf die britische Kolonisierung des Kontinents Ende des achtzehnten Jahrhunderts zurück. Vor der Ankunft der Kolonisten zählte Australien rund 250 verschiedene Aborigine-Sprachen, die von den ersten Bewohnern des Kontinents seit Jahrtausenden gesprochen wurden. Das Englisch, das sich dort später entwickelte, verdankt einen Teil seines besonderen Charakters dem Slang britischer Sträflinge, die in australische Strafkolonien verschickt wurden, ein soziales Erbe, das den umgangssprachlichen, lockeren Ton teilweise erklärt, der heute oft mit dem australischen Akzent verbunden wird. Der Wortschatz der Aborigines bereicherte die Sprache zudem um Wörter, die heute Teil des gewöhnlichen Englisch sind, besonders für die einheimische Fauna und Flora, ohne Entsprechung im ursprünglichen britischen Wortschatz.
Häufig gestellte Fragen
Australisches Englisch ist weder ein bloßer Akzent des britischen Englisch noch eine Kopie des amerikanischen: Es bildet eine eigenständige Variante, deren Grammatik und Rechtschreibung strukturell nah am britischen Englisch bleiben, während Aussprache und Teile des Wortschatzes eine klar eigene Identität entwickelt haben. Wer britisches Englisch gelernt hat, wird in der Regel keine Schwierigkeiten haben, einen australischen Text zu lesen, da sich die Unterschiede fast ausschließlich auf die mündliche Sprache und einen in der Praxis eher begrenzten umgangssprachlichen Wortschatz konzentrieren. Beide Varianten bleiben im Alltag vollständig gegenseitig verständlich, die Unterschiede sind eher lokale Färbung als ein echtes Verständigungshindernis.


