Kulturelle Fettnäpfchen in englischsprachigen Ländern haben selten mit großen diplomatischen Fragen zu tun: Sie verstecken sich meist in Alltagsdetails, sich vorzudrängeln, das Trinkgeld zu vergessen oder ein falsches Wort zu wählen, klein genug und dennoch ausreichend, um bei Menschen mit anderen Normen echtes Unbehagen auszulösen. Das Vereinigte Königreich, die USA und Australien teilen dieselbe Sprache, aber nicht immer dieselben ungeschriebenen Regeln, sodass ein in einem Land völlig normales Verhalten im Nachbarland schon unbeholfen wirkt.
Die folgenden sechzehn Situationen zählen zu den am häufigsten berichteten Fehlern von Reisenden und Auswanderern, jeweils mit der Erklärung des kulturellen Hintergrunds, der sie so heikel macht.
1. Sich in einer Schlange vordrängeln
Im Vereinigten Königreich grenzt die Schlange fast ans Heilige. Laut einer von der Website Fancyapint zitierten Studie halten 89 % der Briten das Vordrängeln für völlig inakzeptabel, eine Regel, die genauso an der Supermarktkasse wie an der Bushaltestelle oder der überfüllten Bartheke gilt. Die Schlange bildet sich oft spontan, ohne Bodenmarkierung oder Absperrung, was sie für unaufmerksame Besucher umso leichter versehentlich zu durchbrechen macht.
2. Sich nach versehentlichem Kontakt nicht entschuldigen
Briten entschuldigen sich deutlich häufiger als der weltweite Durchschnitt, selbst wenn sie keine Schuld trifft: angerempelt zu werden, nach dem Weg zu fragen oder jemanden im Supermarktgang zu kreuzen löst fast automatisch ein „sorry“ aus. Dieses Verhalten nach einem, wenn auch nur leichten und unabsichtlichen, körperlichen Kontakt zu unterlassen, kann eher als schlechtes Benehmen denn als bloßes Versehen gelten.
3. Laut sprechen in öffentlichen Verkehrsmitteln
Ruhe in öffentlichen Verkehrsmitteln bleibt ein starker Wert der britischen Kultur. Beim Eurostar etwa betreffen 80 % der Fahrgastbeschwerden übermäßigen Lärm durch Gespräche, Telefonate oder zu lautes Lachen. Briten bevorzugen während der Fahrt deutlich das Lesen, Kopfhörer oder Stille.
4. Mit einem Wangenkuss begrüßen
Der körperliche Kontakt eines Wangenkusses, in manchen Kulturen ganz normal, überrascht Briten bei einer ersten Begegnung meist. Ein Händedruck oder eine Umarmung ist deutlich üblicher, der Wangenkuss bleibt bereits gefestigten Beziehungen vorbehalten statt einem ersten Kontakt, selbst in einem freundschaftlichen Rahmen wie einer Wohngemeinschaft.
5. Das Victory-Zeichen mit der Handfläche nach innen machen
Eine scheinbar harmlose Geste kann zum echten Fauxpas werden: Das mit Zeige- und Mittelfinger geformte Victory-Zeichen, mit der Handfläche zu sich selbst statt nach außen gerichtet, entspricht im Vereinigten Königreich einer obszönen Geste, vergleichbar mit dem erhobenen Mittelfinger in anderen Kulturen. Die Ausrichtung der Handfläche verändert die Bedeutung der Geste vollständig.
6. Sich weigern, die Runde im Pub zu bezahlen
In der Gruppe im Pub bestellt jeder reihum für den ganzen Tisch, nach dem System der „round“. Sich dieser Reihenfolge zu entziehen, obwohl alle anderen bereits eine Runde ausgegeben haben, gilt als schwerer Verstoß gegen die grundlegendsten Pub-Regeln, eine eigene soziale Institution und keine bloße Rechnungsfrage.
7. Einen Kellner laut herbeirufen
Mit der Hand winken, mit den Fingern schnipsen oder laut nach einem Kellner rufen kommt in einem britischen Restaurant sehr schlecht an, selbst wenn der Service sichtlich auf sich warten lässt. Zurückhaltung überwiegt: ein einfacher Blick oder geduldiges Warten bleibt die Norm.
8. Vergessen, vor dem Überqueren nach rechts zu schauen
Der Linksverkehr im Vereinigten Königreich kehrt den gewohnten Reflex vor dem Überqueren einer Straße um: Man muss zuerst nach rechts schauen, dann nach links, genau umgekehrt zur Gewohnheit in vielen anderen Ländern. Dieses rein mechanische Detail bleibt eine der Hauptursachen für Unfälle bei Touristen, die an diese umgekehrte Verkehrsrichtung nicht gewöhnt sind.
9. England und das Vereinigte Königreich verwechseln
Das Vereinigte Königreich vereint vier Nationen mit klar unterschiedlichen kulturellen Identitäten: England, Schottland, Wales und Nordirland. Das Wort „England“ wahllos für das ganze Land zu verwenden, oder jemanden aus Wales oder Schottland als „englisch“ zu bezeichnen, bleibt eine häufige Verwechslung bei Besuchern, wird von den Betroffenen selbst aber schlecht aufgenommen.
10. Ohne passendes Zahlungsmittel in den Londoner Bus steigen
In London verkauft der Busfahrer keine Fahrkarten an Bord: Man braucht zwingend eine kontaktlose Zahlungskarte, eine Oyster Card oder ein bereits aufgeladenes Fahrschein vor dem Einsteigen. Ohne eines dieser Mittel zu erscheinen, führt zu sofortiger Verlegenheit, oft gefolgt von einer klaren Weigerung, einsteigen zu lassen.
11. „you alright?“ für eine echte Frage halten
Der im britischen Alltag allgegenwärtige Ausdruck „you alright?“ ist keine echte Frage nach dem Gesundheits- oder Gemütszustand: Er funktioniert schlicht als „Hallo“. Ausführlich vom eigenen Tag oder persönlichen Sorgen zu berichten überrascht den Gesprächspartner meist, der nur ein knappes „yeah, good thanks“ erwartet hatte.
12. Die Kleiderordnung einer britischen Hochzeit unterschätzen
Eine Hochzeit oder ein formeller Anlass im Vereinigten Königreich bringt meist eine sehr ernst genommene Kleiderordnung mit sich, besonders für weibliche Gäste: aufwendige Hüte, hohe Absätze und gepflegte Outfits werden erwartet statt als Ausnahme zu gelten. Zu schlicht gekleidet zu diesem Anlass zu erscheinen überrascht in der Regel mehr als ein als zu aufwendig empfundenes Outfit.
13. Zu früh über Politik oder Gehalt sprechen
Sowohl im beruflichen als auch im sozialen Rahmen bleiben Politik und Gehalt Themen, die bei einem ersten Austausch mit Vorsicht zu behandeln sind, im Vereinigten Königreich ebenso wie in den USA. Ein in einer Kultur harmloses Thema kann anderswo ein Gespräch abrupt beenden, wobei Wetter oder Hobbys deutlich sicherere Themen für den Gesprächseinstieg bleiben.
14. In den USA nicht genug Trinkgeld geben
Anders als im Vereinigten Königreich, wo Trinkgeld freiwillig bleibt, ist es in den USA ein struktureller Bestandteil des Einkommens des Servicepersonals. Weniger als 15 % der Rechnung zu geben, oder gar nichts, gilt als echte Unhöflichkeit und nicht als bloße Budgetentscheidung, selbst wenn der Service enttäuschend war.
15. In Australien auf einem hohen Trinkgeld bestehen
Anders als die USA teilt Australien diese verbreitete Trinkgeldkultur nicht: Der Mindestlohn deckt alle Angestellten im Dienstleistungssektor ab, wodurch Trinkgeld optional bleibt und manchmal sogar eher befremdlich als geschätzt wirkt. Ein an amerikanische Gewohnheiten gewöhnter Besucher, der in einem australischen Café auf 20 % Trinkgeld besteht, überrascht dabei oft mehr, als dass er dankt.
16. Zu spät zu einem geschäftlichen Termin erscheinen
In der britischen, amerikanischen und australischen Kultur bleibt Pünktlichkeit im beruflichen Kontext ein grundlegendes Zeichen des Respekts gegenüber dem Gesprächspartner, weit mehr als eine reine Organisationsfrage. Selbst wenige Minuten unangekündigt zu spät zu kommen kann einen ersten Eindruck deutlich trüben, während andere Kulturen bei der Zeitplanung deutlich mehr Flexibilität zulassen.

